Wir sind nun schon 2 Tage in Gosan. Einquartiert sind wir in einer leerstehenden Wohnung in der Nähe des Flusses, nicht weit von unserer früherer Unterkunft, wann immer wir in diesem Dorf weilten. Noch immer haben wir gelegentlich Mühe mit den elektrischen Installationen, auch den Gasherd haben wir nicht in Betrieb genommen. Aber langsam kommen wir etwas in eine koreanische Routine.

Die Leute hier sind nicht mehr so distanziert wie in der Grossstadt, werde sogar ab und zu gegrüsst. Allerdings lässt sich das ländliche Gosan gar nicht mit den städtischen Bezirken vergleichen, auch ist die Ordnung ländlicher, wie bei uns in der Schweiz. Hier kümmert es niemand, wenn ein Busch mal bis Mitte Gehsteig reicht oder die Melonen den Fussweg am Fluss entlang völlig zudecken.


Da ich genugend Zeit habe, ging ich gestern auf einen Berg mit einem Pavillon, welcher mir aufgefallen war. Der Fussweg hoch wird nicht so oft begangen, der Schwierigkeitsgrad etwa T2, einem einfachen Bergweg. Vom Pavillon hat man einen schönen Ausblick über Gosan und andere kleine Dörfer.

Vom Pavillon ging ein Fussweg weiter über den Hügelrücken allgemeine Richtung Süden. Der Pfad glich dem Lägern – Höhenweg oberhalb Schartenfels bei Baden. Nach ca. 40 Minuten erreichte ich das andere Ende dieses Berges, eine Lichtung, wo zwei grössere Hügelgräber waren. Von dieser Anhöhe führte kein Weg ins Tal, jedoch war das Gras um die Gräber erstaunlich gut kurzgeschnitten und die Lichtung gepflegt. Offensichtlich müssen bedeutendere Personen dort begraben sein. Beim Rückweg überlegte ich noch kurz, ob ich einen anderen Abstieg nehmen soll, dessen Pfad mir schon beim Hinweg aufgefallen war. Doch ich vermutete dass ich dann auf der Autostrasse zurück Richtung Gosan zu gehen hätte und ich verzichtete.

Am Nachmittag konnte Sugi auch einmal die Gräber ihrer Eltern besuchen, welche ausserhalb Gosan liegen. Es ist ein privater Friedhof, auch der verstorbene Schwager Seong Hong liegt dort. Allerdings war es nicht die Stelle, welche Seong Hong mir vor Jahren zeigte und erklärte, dass auch er und seine Frau einmal hier begraben werden.

Heute morgen ging ich erst am Fluss etwas spazieren. Zuerst besuchte ich den Damm, wo ich vor Jahren badete und zum Verwundern einiger Koreaner damals herumschwamm. Nähe des Dammes steht auch ein Pavillon und unterhalb des Dammes hat es so eine Fitnessanlage, wie ich sie in Hwaseong auf dem Hügel gesehen hatte. Doch hier in Gosan wird die Anlage nicht mehr benutzt, alles wächst wieder zu. Offensichtlich gab es früher einmal von der Regierung ein Programm, wo solche Freizeitanlagen für die Bevölkerung erstellt wurden. An grösseren Orten werden diese Einrichtungen noch benutzt, hier auf dem Land hätte man das Geld sparen können. Auch die Spazierwege, welche auf einer Tafel mit Distanzen angezeigt wurden, sind in der Zwischenzeit zugewachsen. Schade. Auch vermisse ich mein starkes Teleobjektiv, welches in einem Koffer liegt. Hier hätte ich prächtig Reiher, Kormorane und anderes Federvieh fotografieren können. Der Fluss scheint ein Eldorado für Vögel zu sein.
Nachmittags fuhren wir nach Jeonju, wo wir einen Cousin von Sugi trafen. Shin Gwang war einst Geschichtsprofessor und für mich immer ein angenehmer Gesprächspartner. Er erinnert mich immer an meinen Gartennachbarn und Freund Hardi, mit welchem man vergleichbare philosophische Gespräche führen kann. Shin Gwang überraschte mich mit seinem Gedächtniss, lernte er auch einmal etwas Deutsch. So sangen wir heute gemeinsam die Lieder „Am Brunnen vor dem Tore“, „Sah ein Knab ein Röslein stehen“ und „Ich weiss nicht was soll das bedeuten, dass ich so traurig bin“, wobei Shing Gwang den Text des Lorelei – Liedes noch besser im Kopf hatte wie ich. Ich wollte wissen wie er das neue Korea mit den Hochhäusern sehe und er wollte von mir wissen, was ich von Calefornia in den USA halte. Die Uebereinstimmung war bemerkenswert.
Am Abend traffen wir fast alle Kinder meiner Schwägerin Meong Sook und Sugi musste viel erklären über die Schweiz. Das Abendesssen wurde in Meong Sooks Wohnung eingenommen, die Kinder kochten gemeinsam.